seitenanfang

Gute  Besserung

Wenn Ärzte sich abstimmen, werden Fehldiagnosen und Doppelbehandlungen vermieden.
Und der Patient wird rascher geheilt.

Von Dyrk Scherff

Isolde Martin hat einen langen Leidensweg hinter sich. 2006 traten heftige Rückenschmerzen auf, aber kein Arzt fand die wahre Ursache. Der Hausarzt schickte die 52Jährige zum Orthopäden, der über Wochen mehrere Therapien probierte, aber am Ende erfolglos war.

Selbständige schlief schlecht, wurde depressiv, weil sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte und um ihre Existenz bangte. Als sie ihrem Arzt davon erzählte, schickte der sie zum Psychologen, weil er eher an eine psychologische Ursache für die Rückenprobleme glaubte. Doch wochenlange Sitzungen brachten wenig Besserung. Am Ende hatte Isolde Martin über Monate sechs Ärzte mehrmals besucht - und war doch nicht geheilt. "Meine Krankheit wurde gepflegt, nicht ich", klagte sie.

Ihre Krankenkasse schlug ihr vor, sich im Schmerzzentrum Wiesbaden behandeln zu lassen. Damit hatte sie Erfolg. Nach vier Wochen intensiver Betreuung kann sie mittlerweile wieder arbeiten, der Rücken lässt sie in Ruhe.

Die Kasse hat mit dem Schmerzzentrum einen Vertrag für eine Integrierte Versorgung geschlossen. Integriert heißt, dass Mediziner verschiedener Fachrichtungen sowie niedergelassene Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen enger zusammenarbeiten. Damit sollen Doppeluntersuchungen, Fehldiagnosen und zu schnelle Operationen vermieden werden. Zudem wird so die Krankheitsursache, die häufig mehrere Fachgebiete betrifft, rascher gefunden. Durch eine abgestimmte Behandlung kann der Patient außerdem zügiger genesen.

Über 4000 solcher Integrationsverträge für die häufigsten chronischen Leiden haben die Kassen mittlerweile abgeschlossen, am häufigsten regeln sie Hüft- und Knieoperationen, orthopädische Probleme oder Herz- und Kreislauferkrankungen (siehe Grafik). Rund vier Millionen Menschen sind in diese Programme eingeschrieben. Der Durchbruch kam mit der Gesundheitsreform 2004, die erstmals finanzielle Anreize für die Mediziner setzte.

Ein Prozent des Honorarbudgets für die Ärzte, also etwa 700 Millionen Euro, steht dafür jedes Jahr zur Verfügung. Für die an der Integrierten Versorgung teilnehmenden Doktoren und Kliniken bedeutet das neben ihrem Normalverdienst eine attraktive zusätzliche Geldquelle.

Im Falle des Wiesbadener Projekts arbeiten Physio- und Psychotherapeuten und mehrere Schmerztherapeuten in einem Gebäude zusammen. Sie besprechen gemeinsam den Fall, und jeder bringt dabei die Kenntnisse aus seinem Fachgebiet ein. Daraus erstellen sie einen Therapieplan. Jede Beobachtung und Behandlung dokumentieren sie für die Kollegen im Computer. "Das beschleunigt die Therapie", sagt Thomas Nolte, einer der Ärzte in dem Programm.

War ein Behandlungsschritt nicht erfolgreich, wird sofort eine Alternative besprochen. "Die gemeinsame Analyse macht die Diagnose sicherer und vollständiger und vermeidet, dass der Patient wie in der Regelversorgung von einer Praxis zur nächsten rennen muss", erläutert Nolte. Und Zeit ist bei Rückenschmerzen ein kostbares Gut. Nach drei Monaten gelten die Beschwerden als chronisch.

Das Programm in Wiesbaden dauert einen Monat, bei Bedarf kann es um vier Wochen verlängert werden. Der Patient erscheint dreimal die Woche für rund vier Stunden. Er bekommt unter anderem Krankengymnastik, eine Schmerzbehandlung und Verhaltenstherapie zum Stressabbau. Denn die Angst vor den Schmerzen bremst den Erfolg der Therapie. Zudem erfahren die Patienten in Vorträgen mehr über die Bedeutung von Bewegung und guter Ernährung. Sie müssen ihren Behandlungsfortschritt in einem Tagebuch dokumentieren und zu Hause Gymnastikübungen machen. So umfangreich und zeitlich konzentriert ist die Standardversorgung von Rückenleiden nicht.

Für die seit Anfang 2006 behandelten 150 Patienten hat sich der Aufenthalt gelohnt. "In unserem Programm waren die Patienten 117 Tage arbeitsunfähig, in einer vergleichbaren Gruppe in der Regelversorgung waren es 227 Tage", hat Nolte ermittelt. Andere Modelle der Integrierten Versorgung haben ähnliche Erfolgsbilanzen.

Daher rentieren sich die Modelle auch für die Krankenkassen. Sie müssen deutlich weniger an Krankengeld zahlen, weil die Patienten kürzer arbeitsunfähig sind. Und sie sparen Behandlungskosten, weil die Krankheitsursache schneller gefunden wird.

Daher sind die Kassen bereit, die Ärzte und Kliniken deutlich stärker zu entlohnen als in der Normalversorgung. Für das Wiesbadener Projekt zahlt die Kasse pauschal 3500 Euro je Patient. In der Normalversorgung hätte der Schmerztherapeut durchschnittlich 100 Euro pro Fall, der Orthopäde für drei Monate 30 Euro bekommen. Daher sind auch für die Ärzte die Programme der Integrierten Versorgung attraktiv. Die festen Pauschalen sorgen zudem dafür, dass die Kliniken versuchen, ihre Mittel effizienter einzusetzen.

Allerdings ist das Modell der Integrierten Versorgung in Gefahr. Denn die finanziellen Anreize laufen Ende 2008 aus. "Das bremst schon jetzt die Bereitschaft, Verträge vor allem für kompliziertere Krankheitsbilder abzuschließen. Denn die sind am teuersten, und der Erfolg ist am schwersten zu messen", klagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg/Essen. "Aber gleichzeitig besitzt die Integration gerade in solchen Fällen die größten Vorteile."


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 43

Information für Patientinnen und Patienten

Aktuelles aus der Schmerztherapiezur nächsten Meldung

PRAXIS

INFORMATION

FACHBEREICH ÄRZTE

Volltextsuche