Volkskrankheit Rückenschmerzen: Jede dritte Krankschreibung geht
inzwischen auf das Konto von
Rückenleiden.
In den meisten Fällen erholen sich die Patienten innerhalb weniger
Wochen. Bis aber den Patienten mit chronischen Schmerzen
geholfen
wird, vergeht oft viel Zeit. Verlorene Zeit, die für viele chronische
Schmerzpatienten irreversible Folgen hat
und lange Arbeitsausfälle mit
sich bringt. Mit einem neuen Konzept der integrierten Versorgung will die
Gesellschaft
für ärztliche Fortbildung und integrierte Versorgung (GAF-IV)
zusammen mit der Techniker Krankenkasse (TK) die Lage
der Schmerz
patienten verbessern und sie zurück in den Arbeitsalltag führen.
Dafür sind neue Strukturen notwendig.

Werden Rückenschmerzen nicht rechtzeitig angemessen behandelt, können sie zu chronischen Schmerzen werden. Langwierige und teure Patientenkarrieren sind die Folge, die nicht selten zur Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung führen. Der Deutsche Forschungsverbund Rückenschmerz, ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden für Behandlungen und Arbeitsausfall jährlich auf 25 Mrd. €. Davon schlagen allein die sozialen Folgekosten mit 19 Mrd. € zu Buche. Dabei ist auffällig: Rund 90 Prozent der Patienten genesen nach vier Wochen, eine Hochrisikogruppe von rund zehn Prozent der Patienten verursacht dagegen den Großteil der Kosten. Für diese Risikopatienten sind in der Regelversorgung weden diagnostische Konzepte noch standardisierte Behandlungspfade verankert. Unzureichende Kommunikation zwischen den beteiligten Ärzten und Kliniken führt zu unnötigen Doppeluntersuchungen, Wartezeiten und Fehldiagnosen.
Hier setzt das Modellprojekt an: Gemeinsam mit der GAF-IV bietet die TK ihren Versicherten ein interdisziplinäres Behandlungskonzept. Verschiedene Therapeuten, darunter Fachärzte, Schmerz-, Psycho- und Physiotherapeuten, stimmen die Behandlungen eng miteinander ab und behandeln die Patienten ganzheitlich in einem der 20 zertifi zierten Schmerzzentren in Deutschland.
Aufgenommen in das Programm werden Patienten, die wegen Rückenproblemen seit mindestens vier Wochen krankgeschrieben sind. Zunächst wählt dabei ein Fallmanager der Krankenkasse potenzielle Kandidaten über Arbeitsunfähigkeitszeiten und Krankengeldbezug aus. Innerhalb von fünf Tagen erhalten sie einen Termin für die Eingangsuntersuchung. Kaum zwei Wochen nach dem diagnostischen Screening beginnt bereits die Behandlung – je früher das Programm beginnt, desto größer sind die Gesundungsaussichten.
Dann durchlaufen die Patienten ein strammes Programm mit 40 Therapiestunden in einem Monat. Dazu gehören Krankengymnastik, Verhaltens- und Schmerztherapien sowie Entspannungsverfahren und Akupunktur, je nach Bedarf des Patienten. Das Schmerzzentrum erhält immer die gleiche Pauschale. Während der Therapiephase führt der Patient Tagebuch – dies soll dabei helfen, die Behandlung genau zu steuern und wissenschaftlich zu erfassen.
Anders als in der Krankenversorgung bisher üblich, bekommt das Schmerzzentrum für die gelungene Behandlung einen Bonus. Ist der Patient nach vier Wochen wieder schmerzfrei und arbeitsfähig und bleibt er das über einen Zeitraum von sechs Monaten, bekommt das Zentrum zusätzlich zur Fallpauschale einen Bonus von zehn Prozent. Bei Misserfolg werden ihm fünf Prozent abgezogen.
Durch die Zusammenarbeit mit dem Schmerzzentrum will die TK die Versorgung enger verzahnen, um damit Menschen mit chronischen Rückenleiden effektiver zu behandeln und Kosten zu senken. Der Informationsaustausch unter den Therapeuten soll unnötige Doppeluntersuchungen und Wartezeiten vermeiden. Im Wesentlichen aber geht es darum, Folgekosten durch Krankengeldbezug zu senken und die Gefahren der Frühverrentung zu reduzieren. Eine erste Bilanz nach 700 behandelten Patienten zeigt: 93 Prozent der Teilnehmer konnten im Anschluss an die Therapie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren – fast dreimal so viel wie nach einer konventionellen Therapie. Bei 86 Prozent hielt das Ergebnis auch nach sechs Monaten noch an, sodass keine weiteren Krankschreibungen notwendig waren. Mit rund 4000 € pro Intensivprogramm spart die Kasse rund die Hälfte der Kosten, die durch eine Lohnfortzahlung entstehen würden.

„Das Thema ist aktueller denn je: Jeder Zweite wird im Laufe des Lebens von Rückenproblemen geplagt. Trotzdem ist die Versorgungslage in Deutschland schlecht. Die Jury hat das Projekt vor allem deswegen überzeugt, weil es nicht nur eine überzeugende integrierte Versorgung anbietet. Ärzte und Therapeuten haben auch einen fi nanziellen Anreiz, ihre Patienten erfolgreich zu behandeln. Nach wie vor werden solche Pay-for-Performance-Modelle, die einen Teil der Vergütung an die Behandlungsqualität koppeln, in Deutschland viel zu wenig erprobt.“
Text: FINANCIAL TIMES, Deutschland
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