Wiesbadener Kurier vom 06.10.2004 - von Angelika Eder
Drei Jahre ergebnisloser Verhandlungen mit Krankenkassen für ein längst überfälliges Palliativnetz in Wiesbaden sind genug: Deshalb informierten Schmerz- und Palliativmediziner Thomas Nolte, Doris Sattler vom Hospizverein Auxilium und Allgemeinmedizinerin Michaela Wende gestern die Öffentlichkeit über Dringlichkeit und Zweckmäßigkeit solcher Versorgungsstrukturen sowie ein von Experten erarbeitetes Konzept.
Auf der Basis bereits bestehender oder im Aufbau befindlicher Strukturen entwickelt, soll es eine abgestufte ambulante und stationäre Palliativ- und Hospizversorgung von Patienten am Ende ihres Lebens sichern: Davon könnten laut Nolte allein in Wiesbaden und im Taunus rund 300 Menschen pro Jahr profitieren. Insgesamt ermögliche ein solches Modell etwa 70 Prozent der Menschen, zu Hause zu sterben, während das unter den derzeitigen Bedingungen nur bei rund 15 Prozent der Fall ist.
Kassen müssten zahlen
Die meisten sterben in Hessen ebenso wie in ganz Deutschland in Pflegeheimen oder Kliniken, nachdem sie zuvor teils mehrfach ebenso unnötige wie quälende Krankenhauseinweisungen erdulden mussten. Und das, obwohl die 14-tägige häusliche Versorgung einer britischen Studie zufolge rund 3 600 Euro kostet gegenüber 6 100 Euro für einen ebenso langen Klinikaufenthalt.
Zahlen, die nicht zuletzt angesichts der demographischen Entwicklung eindeutig für ein qualifiziertes palliatives Versorgungsnetz sprechen, wie Nolte als einer der Initiatoren des Konzeptes betonte. Ganz abgesehen von den Bedürfnisse der Kranken, die möglichst schmerz- und beschwerdefrei zu Hause im Kreise der Familie und Freunde sterben wollten. Dafür sprächen außerdem die Anforderungen an oft ungeschulte Hausärzte: Die Ausbildung der Mediziner lasse diesbezüglich zu wünschen übrig, beklagte Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Dass die Krankenkassen die Verhandlungen über das Konzept trotz schlagender Argumente bisher scheitern ließen, erklärten die Experten auf der gestrigen Pressekonferenz folgendermaßen: "Mit dem Sterben lässt sich kein Marketing betreiben."
Das Funktionieren des PalliativNetzes Wiesbaden-Taunus wäre dank vorhandener Ressourcen sichergestellt: Die rund um die Uhr besetzte Einsatzzentrale inklusive Vernetzung aller Beteiligten könnte der ambulante Hospizverein Auxilium übernehmen, der sich derzeit mit hauptamtlichen, speziell geschulten Schwestern der Schmerz- und Symptomkontrolle Schwerstkranker und Sterbender widmet, während ehrenamtliche Helferinnen psychologische "Wegbegleitung" leisten.
Auxilium müsste bei Übernahme der Koordination allerdings finanziell anders abgesichert werden.
Das "Netz" steht in Startlöchern
Die Schwestern würden noch im Krankenhaus die Situation des Patienten klären, Besonderheiten erfassen und dessen Versorgung nach der Entlassung vorbereiten. Für diese stünden niedergelassene Allgemein-, Schmerz- und Palliativmediziner, ambulante Palliativ-Care-Teams oder Pflegedienste, psychologische und psychoonkologische Betreuer sowie Seelsorger bereit. Außerdem wären die Deutsche Klinik für Diagnostik, die Palliativstation der HSK, die Hospize Advena und Bärenherz mit eingebunden.
Das PalliativNetz Wiesbaden -Taunus ist, wie Thomas Nolte erläuterte, so konzipiert, dass es im Rahmen der vom Gesundheitsmodernisierungsgesetz geschaffenen "integrierten Versorgung" aus bestehenden Strukturen weiterentwickelt und von den Krankenkassen auch aus ethisch-humanitären Gründen finanziert werden müsste. Dann gebe es keinerlei Hindernisse mehr, wie Doris Sattler von Auxilium bekräftigte, "denn wir stehen alle in den Startlöchern!"
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