Frankfurter Rundschau vom 06.10.2004 - von Jutta Rippegather
Konzept des PalliativNetzes Wiesbaden-Taunus zur Betreuung Todkranker scheitert an Tabuisierung.
Mit einer professionellen Versorgung können die meisten Schwerkranken ihre letzten Tage daheim verbringen. Das PalliativNetz Wiesbaden-Taunus hat ein entsprechendes Konzept erarbeitet und steht in den Startlöchern. Doch die Krankenkassen wollen sich nicht finanziell engagieren.
Lebensqualität und Würde bis zuletzt. Dieses Menschenrecht wird hier zu Lande viel zu selten umgesetzt, sagen die Akteure im PalliativNetz. Von den 61 000 Menschen, die in Hessen pro Jahr sterben, benötigen etwa zehn Prozent eine hospizliche und / oder palliativmedizinische Betreuung, um ihrem Wunsch gemäß in vertrauter Umgebung sterben zu können. Doch solche Angebote sind kaum zu finden. „Eine fatale Mischung aus verkrusteten Strukturen und Tabuisierung bei Politikern, Krankenkassen und Ärzteverbänden verhindert seit Jahren, dass die Weichen richtig gestellt werden“, sagt Dr. Thomas Nolte vom Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden, einer der Initiatoren des PalliativNetzes. Die Palliativmedizin ordne das Wohlbefinden des Patienten dem Ziel unter, die Krankheit zu heilen. Doch in der Gesundheitsversorgung genieße Heilen absolute Priorität, so Nolte. Ergebnis sei Geldverschwendung für Operationen, Chemotherapien oder Strahlentherapien. Der Aufwand ende abrupt, wenn sich heraus stelle, dass der Patient nicht zu retten ist. Dann werde er von heute auf morgen aus der Klinik entlassen und sei plötzlich auf sich gestellt.
Das soll sich mit dem Aufbau einer professionellen Struktur in Wiesbaden ändern, die hessenweit eine Vorreiterrolle einnehmen könnte. Herzstück bildet eine Einsatzzentrale, die rund um die Uhr besetzt sei. Die lückenlose Versorgung soll unnötige Krankenhauseinweisungen vermeiden, wie sie besonders nachts häufig vorkommen, weil der gerufene Notarzt den Patienten meist nicht kennt. Schon vor der Krankenhausentlassung nimmt eine Palliativ-Care-Pflege-Fachkraft den Kontakt auf, um sich über die körperliche Verfassung und die familiäre Situation zu informieren, um abzuklären, welche Hilfen nötig sind. Als Mitwirkende bieten sich an: der Hospizverein Auxilium, das Palliativ-Care-Team, ein qualifizierter ambulanter Pflegedienst, die Palliativstation an den Dr. Horst-Schmidt-Kliniken, die stationären Hospize Advena oder Bärenherz (für Kinder) oder auch Seelsorger. Der zuständige Hausarzt erfährt durch das PalliativNetz ebenfalls Unterstützung. Denn im Medizinstudium spielt Schmerztherapie kaum eine Rolle.
Dr. Michaela Wende, Allgemeinmedizinerin aus Wiesbaden, spricht von einer „großen Hilflosigkeit“, mit der sie früher Menschen in der Lebensendphase begegnete. Zu Schmerzen und Symptomen wie Übelkeit, Atemnot oder Schwäche käme die seelische Not des Patienten und der Angehörigen. Pflegemittel müssten organisiert werden, und den ambulanten Pflegediensten mangele es oft an Kompetenz. Unter diesem Druck komme es oft zur Einweisung ins Krankenhaus. „Allein bin ich als Hausarzt auf verlorenem Posten.“ Mit einem Hilfenetz, das 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht, sei eine solche Situation zu meistern.
„Die psychosoziale Begleitung ist sehr wichtig“, sagt Doris Sattler vom Wiesbadener Hospizverein Auxilium. Das gelte sowohl für den Patienten als auch die Angehörigen, die mit dieser Situation überfordert sind. Der Verein hat mit seinen 45 ehrenamtlichen Helferinnen und zwei hauptamtlichen Pflegerinnen im vergangenen Jahr 90 Menschen betreut. Die Finanzierung erfolgt überwiegend aus Spenden.
Das muss sich nach Wunsch der Initiatoren des Palliativnetzes ändern. Eine qualifizierte ambulante Versorgung spare dem Gesundheitssystem auch Geld. Denn es verbessere nicht nur die Lebensqualität des Patienten, sondern senke auch die Kosten im stationären Bereich. 90 Prozent der Deutschen wollten zu Hause sterben. Nur etwa 15 Prozent werde dieser letzte Wunsch erfüllt.
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