Wiesbadener Tagblatt vom 06.10.2004
"Mit dem Tod lässt sich kein Marketing machen", erklärt Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Als wollten sie das Gegenteil beweisen, laden der Hospizverein Auxilium und das Schmerz- und Palliativzentrum zur ersten Veranstaltungswoche rund um die Themen Sterben und Tod ein. Hintergrund ist die Gründung des "Palliativ-Netzes Wiesbaden-Taunus", das für eine bessere Koordination und Zusammenarbeit der Institutionen sorgen soll.
Das Problem sei der "Mythos der Heilung", erklärt Dr. Thomas Nolte vom Schmerz- und Palliativzentrum, einer der Initiatoren des Projekts. In dem Moment, wo bei schwerstkranken Menschen alle Register der modernen Medizin gezogen worden sind, und sich eine Heilung dennoch nicht eingestellt hat, würden viele von ihnen fast buchstäblich vor die Tür gesetzt. Um ein würdevolles Leben bis zum unvermeidbaren Tod mache sich kaum jemand Gedanken, zu tabuisiert sei das Thema, zu groß die Angst jedes Einzelnen.
"Als Hausarzt steht man dann auf verlorenem Posten einem sehr komplexen Thema gegenüber", beschreibt Dr. Michaela Wende ihre Erfahrungen. "Da ist es wichtig, ein kompetentes Team zur Seite zu haben." Das frisch gegründete Palliativ-Netz Wiesbaden-Taunus hat es sich zum Ziel gesetzt, ein Konzept zu entwickeln, das den Umgang mit dem heiklen Thema vereinfacht und besser koordiniert.
Genau genommen existiert das Konzept bereits und die entsprechenden Strukturen in Wiesbaden, vor allem das Schmerzzentrum und der Hospizverein, ebenfalls. "Im Grunde genommen stehen wir alle in den Startlöchern", erklärt Doris Sattler von Auxilium. Was fehlt ist die Finanzierung des Betriebs im Verbund.
Geplant ist, unter der Koordination des Hospizzentrums ein Kooperationsnetz aufzubauen, das es schwerstkranken und sterbenden Menschen erlaubt, ihre letzte Zeit in Würde zu erleben. Wichtigste Säule soll dabei eine ambulante Palliativversorgung sein. Der Wunsch der meisten Patienten sei es nach wie vor, in der vertrauten Umgebung des eigenen Heims zu sterben. Darüber hinaus steht das Hospiz mit seinen vielen speziell geschulten ehrenamtlichen Mitarbeitern zur Verfügung, um die körperliche, soziale, psychische und spirituelle Betreuung der Betroffenen und ihrer Angehörigen zu gewährleisten.
Ein weiteres Ziel ist der Einsatz für eine bessere Ausbildung der Ärzte im Bereich Palliativmedizin. Große Defizite in diesem Bereich seien ein wesentlicher Grund dafür, dass Patienten in der Endphase ihrer Leiden häufig schlecht versorgt seien, schildert Nolte die Situation.
Alle Verhandlungen mit den Krankenkassen jedoch sind bisher fehlgeschlagen, obwohl selbst das vermeintliche Argument höherer Kosten ins Leere läuft: Die Betreuung eines Patienten im Palliativ-Netz kostet die Kassen nur halb so viel wie dessen Aufenthalt im Krankenhaus.
Um Werbung für ihre Sache zu machen und die Sensibilität der Bevölkerung zum Thema zu erhöhen, findet auf Initiative der am Palliativ-Netz beteiligten Institutionen unter dem Titel "Der Tod naht..." eine kulturelle und informative Veranstaltungswoche statt.
Beteiligt am Programm im großen Saal des Roncalli-Hauses sind sowohl das Projekt Light-Moved, das am Sonntag, 10. Oktober um 20 Uhr "Liedkunst im Bildraum" präsentiert, wie das Hohenloher Figurentheater, das am Mittwoch, 13. Oktober um 19.30 Uhr seine Fassung von Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" aufführen wird.
Weiterhin werden ab Dienstag, 19.30 Uhr, verschiedene Arbeiten zum Thema "Tod in der Bildenden Kunst" der Wiesbadener Freien Kunstschule ausgestellt. Die FilmBühne Caligari zeigt am Donnerstag, 14. Oktober, 17.30 Uhr die Dokumentation "Dem Tod ins Gesicht sehen" über die kürzlich verstorbene Hospizpionierin Elisabeth Kübler-Ross.
Den Abschluss bildet am Samstag, 16. Oktober, ein Tag der offenen Tür mit Vorträgen, Podiumsdiskussion und einem Benefizkonzert zu Gunsten des Hospizvereins, auf dessen Homepage www.hospizverein-auxilium.de auch weitere Informationen zum Programm erhältlich sind.
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