Wiesbadener Tagblatt vom 18.10.2004 - von Marianne Kreikenbom
Unter dem Titel "Der Tod naht - Wie stellen Sie sich ihr Lebensende vor?" fand kurz vor Ende der ersten Wiesbadener Hospiz- und Palliativwoche im Roncalli-Haus eine Veranstaltung statt, die mit der Arbeit von PalliativNetz Wiesbaden Taunus bekannt machte. Eine Ein- und Überleitung zur abschließenden großen Podiumsdiskussion am Tag der offenen Tür.
Vom Altern und Sterben in Würde ist in der Öffentlichkeit gern die Rede und die Forderung nach ambulanter Pflege zu Hause statt stationär inzwischen allgemein. Aber die gesundheitspolitische Realität sieht anders aus: Sie setzt - zumindest unter den gegenwärtigen Bedingungen - solchen hehren Zielen enge, sprich: finanzielle Grenzen, wie der Filmausschnitt aus einer aktuellen ZDF-Dokumentation zur "Pflege im Akkord" belegte. Die gezeigten Filmbeispiele seien auch für Wiesbaden repräsentativ, versicherte Dr. Thomas Mainka vom Hospizverein Auxilium.
Angesichts eines steigenden Kostendrucks und ständig geforderter Wirtschaftlichkeit der Pflegedienste müssen Zuwendung und Menschlichkeit etwa bei der Betreuung allein lebender hochbetagter Frauen und Männer in der Regel auf der Strecke bleiben oder werden zum ehrenamtlichen Luxus des Pflegepersonals. Wenn die Kassen nur drei Minuten für eine Begleitung zur Toilette bezahlen, dann stehe nicht mehr der Mensch im Vordergrund, sondern das Geld.
"Das Prinzip ambulant vor stationär droht vor die Wand zu fahren", meinte im Film ein Pflegedienstvertreter. Aber nicht nur (immer mehr) alte Menschen sind betroffen. "Die klassischen Fälle der Palliativmedizin sind jüngere Tumorpatienten", erklärte Michaela Hach, Leiterin der Ökumenischen Sozialstation in Biebrich. Aber auch Patienten mit Aids, unheilbaren Lungenleiden oder schweren neurologischen und kardialen Erkrankungen benötigen qualifizierte häusliche Betreuung.
Palliativmedizinische Versorgung soll eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit und Lebenszufriedenheit von Patienten erhalten, wenn keine Heilung mehr möglich ist, erklärte Dr. Thomas Nolte, Leiter des Wiesbadener Schmerz- und Palliativzentrums. Die Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden stehe dabei im Vordergrund, integriert seien aber auch psychische und spirituelle Bedürfnisse sowie die Unterstützung der Familien während der Erkrankung eines Angehörigen sowie in der Trauerphase. Palliativmedizin bejahe das Leben und verstehe das Sterben als einen normalen Prozess. Sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern.
Eine Auffassung, die sich bei Gesundheitspolitikern und Krankenkassen nur zögernd Gehör verschaffe, stehe doch allgemein der Mythos von der Heilung aller Krankheiten an oberster Stelle und werde teuer bezahlt. Nolte und seine Mitstreiter streben ein Zentrum für ambulante Palliativmedizin an, das alle in Wiesbaden und Taunus bereits vorhandenen notwendigen Elemente vom Hausarzt über entsprechend geschulte Pflegedienste, Physiotherapeuten und Psychologen bis zu stationären Hospizen vereint.
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