Wiesbadener Tagblatt vom 08.10.2005
Wenn morgen Wiesbadens zweite Hospiz- und Palliativwoche beginnt und an den folgenden Tagen vom Palliativnetzwerk Wiesbaden-Taunus gesprochen wird, dann ist auch die Tätigkeit von Doris Sattler gemeint. Aus diesem Anlass sprachen wir mit ihr.
Von Marianne Kreikenbom
Seit sieben Jahren arbeitet die gelernte Krankenschwester als ambulante Hospizfachkraft beim Verein Auxilium. Der Name stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Hilfe, Unterstützung, Beistand. Doris Sattler leistet sie mit ganzem Einsatz und aller Kraft bei der Begleitung und Betreuung schwerstkranker, sterbender Menschen. Freundschaft auf Zeit hat sie das einmal genannt oder eine Gefährtschaft auf dem letzten Wegstück des Menschen: aufmerksam, liebevoll, treu und verlässlich. Mit dieser auf den Punkt gebrachten Formulierung beschreibt sie neben der eigenen Selbstverständlichkeit auch den besonderen Wert ihrer Arbeit. "Wir verstehen Sterbebegleitung heute im ganzheitlichen Sinn", erklärt sie. Soll heißen, es geht nicht nur um medizinische Versorgung, Schmerzlinderung und Pflege, sondern ebenso um den seelischen und spirituellen Beistand, die Einbeziehung des sozialen Umfelds und den Kontakt mit der Familie.
Doris Sattlers Arbeit bedeutet den alltäglichen Umgang mit dem Tod. Für eine 46-Jährige mit drei gerade erst erwachsenen Kindern vermutlich nicht eben typisch. Dass Sterben zum Leben gehöre, sagt sich manchmal so leicht dahin. Aber wie bewältigt man das im Ernstfall oder von Berufs wegen? Doris Sattler erzählt von ihrer Ausbildung. Von einer damals so genannten Schulschwester wurde sie in die Hospizarbeit eingeführt. Eines Tages las Doris Sattler die "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross und war fasziniert. Gegen Ende der 60er Jahre hatte die Schweizer Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross mit ihrem Buch ein bis dahin allseits herrschendes Tabu gebrochen und sterbende Menschen nach ihren Bedürfnissen gefragt. "Gut, dass es so jemanden gibt, habe ich gedacht."
Schon früh beschäftigte Doris Sattler der Gedanke, die Kranken und Schwachen nicht aus dem Blick zu verlieren. "Noch heute möchte ich, dass sie gesehen, wahrgenommen und respektiert werden." Der Beruf als Krankenschwester habe es ihr ermöglicht, ihren Wunsch nach tätiger Solidarität zu leben. Mehrere Jahre arbeitete sie an der Universitätsklinik Mainz in der Abteilung Hämatologie und Onkologie. "Die Beschäftigung mit schwer und unheilbar Kranken hat mich geprägt." Nach längerer Berufspause wegen der Kinder und kurzfristigen Einsätzen bedeute für sie die Hospizarbeit bei Auxilium, dass sich ein Kreis folgerichtig geschlossen habe. "Ich möchte bei denen sein, die nicht gesund werden können." Ihr berufliches Engagement, fügt sie hinzu, gründe nicht zuletzt auf ihrem christlichen Glauben. "In der Hoffnung, dass die Liebe Gottes sich im Sterben vollendet und den Menschen in Empfang nimmt."
ürchtet sie selbst sich vor dem Tod? "Nicht vor dem Tod, aber vor dem Sterben." Das, so weiß sie, kann noch in den letzten Tagen oder Stunden unerwartet schwer, schonungslos und qualvoll sein. "Ich habe Situationen erlebt, in denen mich das Ausmaß einer Erkrankung erschreckt hat." Grenzerfahrungen, meint Doris Sattler, bei denen auch sie die Frage nach dem Warum des Leidens stellt. "Den Tod erlebe ich in einem solchen Fall als Erlösung und Befreiung." Was ist für sie ein gutes Sterben? "Wenn man ohne Leiden und versöhnt gehen kann, be- und geschützt von begleitenden Menschen."
Ja, die Konfrontation mit Sterben und Tod gehe ihr unter die Haut. Ein Sterbender müsse loslassen und sich Schritt für Schritt seinen Weg ans Ende bahnen. "Jeder Mensch ist einmalig - auch in seinem Sterben. Ich begegne dem Geheimnis seines Lebens und seines Sterbens in Ehrfurcht."
Die vielfältigen Erfahrungen in ihrer Hospizarbeit wertet Doris Sattler als ein großes Geschenk. "Für mich ist die ständige Begegnung mit dem Tod ein tiefer Impuls, immer wieder und mit allen Sinnen ins Leben zu treten, auch Kleinigkeiten oder vermeintliche Selbstverständlichkeiten wahrzunehmen und mich darüber zu freuen." Über ein nettes Wort im Supermarkt zum Beispiel, die Geborgenheit in der Familie, die eigene Gesundheit und sogar über lästige Alltagspflichten. "Mein Leben ist bewusster geworden."
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