Wiesbadener Tagblatt vom 14.10.2005
Gespräche mit Kindern und Jugendlichen über den Tod
Von Marianne Kreikenbom
Der Gedanke an Tod und Trauer - ist das ein Thema für Kinder und Jugendliche? Sylvia Klein, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Wiesbadener Hospizverein Auxilium, bejaht die Frage. Im Rahmen der von ihr vorbereiteten Hospiz- und Palliativwoche fanden erstmalig auch Veranstaltungen für Kinder statt.
Sicher wecke die Vorstellung vom Tod zunächst vor allem Ängste, räumt Oliver Maier ein. Er leitet die Abteilung Palliativmedizin der Dr. Horst Schmidt Kliniken. "Aber mit ganz normalen Veranstaltungen wollen wir das allgemein herrschende Tabu brechen und auch Kindern ein Forum bieten." Gelegenheit dazu gab es gestern in der Stadtbibliothek.
"Und was kommt dann?". hieß hier eines der Gespräche mit den Jüngsten. Als Versuch bezeichnet es Sylvia Klein. Man wolle schauen, ob und wie solche Veranstaltungen ankommen und was man selbst dabei lernen könne. "Kinder gehen viel offener und freier mit dem Thema Tod um."
Sonja Sasse, Mitarbeiterin der Stadtbibliothek, machte ihnen das Thema leicht und verständlich. Max und Jule, die zwei Helden der von ihr vorgelesenen Geschichte "Die Reise nach Ugri-La-Brek", begeben sich auf die Suche nach ihrem Opa. Der ist eines Tages verschwunden, ohne seinen Totoschein abgegeben und die Brille mitgenommen zu haben. Mama sagt nichts und Papa weiß nichts. Auf der anderen Seite der Welt finden sie den Opa, und es geht ihm gut.
Im April dieses Jahres und noch am Anfang aller Pläne für die Hospiz- und Palliativwoche, stand für Sylvia Klein ein anderes Projekt schon felsenfest: "Was wünsche ich mir, wenn ich traurig bin?" Moderiert von Lehrern und Hospizfachkräften, sollten Schüler unterschiedlicher Altersgruppen über das aus dem Leben gern verbannte Thema sprechen: die Endlichkeit unseres Daseins. Es ging um Gefühle, Ängste und Wünsche und den Versuch, sie am Schluss auch in Worten und Bildern darzustellen. Im Roncalli-Haus konnte man die Blätter sehen. Allerdings bildeten die geführten Gespräche den wesentlicheren Part des Projektes. Teilnehmer waren Grundschüler der Diesterwegschule, Mädchen und Jungen mehrerer siebenter Klassen der IGS Kastelstraße und Schüler der zehnten Klasse des Leibnizgymnasiums.
"Die Ergebnisse haben uns überrascht", gesteht Doris Sattler, Hospizfachkraft bei Auxilium. Sie begleitete die Gesprächsrunden der älteren Schüler. Noch immer ist sie beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und emotionalen Tiefe, mit der sich etwa die 14-Jährige der IGS unter Leitung von Lehrer Peter Held auf das Thema Tod und Trauer eingelassen haben.
"Stärkung personaler Fähigkeiten" heißt das Fach, in dem das Projekt seinen Platz fand. Was wäre wichtig, fragte Held, würde man plötzlich erfahren, dass die eigene Lebenszeit begrenzt sei? Auf nur noch eine Woche vielleicht. Einen Traum erfüllen, alles gut machen, was man verbockt habe, Schulden bezahlen oder etwas Unerhörtes anstellen und sehen, ob man als Todgeweihter dafür ins Gefängnis müsste, lauteten die Antworten. Am Ende, so erzählt Doris Sattler, hätten sich alle zugleich total down und absolut gut gefühlt.
Begriffe wie Respekt, Trost, Hilfe, Ruhe und Geborgenheit kehrten in den Antworten der Zehntklässler der Leibnizschule auf die Frage nach den Wünschen, wenn man traurig sei, immer wieder. Einen Menschen haben, der zuhört, eine Umarmung. Sehr konkret gab der viel jüngere Stefan aus der Diesterwegschule seinen Gefühlen freien Lauf: "Lieber Opa, ich bin sehr traurig, dass du gestorben bist. Weil, es war sehr schön, als wir immer gespielt haben. Du hast mich nie angeschrieen."
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