Wiesbaden 17.03.2006
Mit einem Palliativnetz soll in Wiesbaden die Versorgung Schwerstkranker in der Häuslichkeit verbessert werden. Das Zentrum für ambulante Palliativversorgung (ZAPV) und die Techniker Krankenkasse (TK) haben dazu einen integrierten Versorgungsvertrag für die Region Wiesbaden-Taunus abgeschlossen.
Viele Schwerstkranke möchten zu Hause gepflegt werden, doch sie sterben meist in Krankenhäusern und Heimen. „Wir wollen eine multiprofessionelle Versorgung aus Palliative Care, palliativer Beratung, Palliativ-Arzt und Hausarzt ermöglichen“, so Dr. Thomas Nolte vom ZAPV gegenüber HÄUSLICHE PFLEGE. Ziel des Projekts sei es, unheilbar Kranken die Pflege und palliative Versorgung zu Hause zu ermöglichen. Doch die meisten Kassen zeigen sich bei diesem Thema zurückhaltend, so Nolte: „Aber es ist doch schrecklich: Gestern musste ich einer schwerstkranken Patientin sagen, dass sie leider in der falschen Krankenkasse versichert ist! Jede intelligente Kasse müsste sagen: Wir haben eine Chance auf die Optimierung der Versorgung ohne Mehrkosten und schließen uns dem Versorgungsvertrag an. Es geht hier doch um eine wirkliche Versorgungslücke“, erklärt der Mediziner. Nach jahrelangen Verhandlungen mit verschiedenen Kassen ist das ZAPV jetzt bei der TK auf offene Ohren gestoßen. Das ZAPV und 20 Partner aus der Region Wiesbaden haben ein Netzwerk gebildet, darunter Palliativ-Fachkräfte, Haus- und Fachärzte, palliativ geschulte Pflegedienste, Palliativmediziner, Physiotherapeuten, kirchliche Einrichtungen und Hospize.
Eine umfassende ambulante Betreuung der Schwerstkranken gewährleistet das Netzwerk über eine 24-Stunden-Einsatzbereitschaft und eine koordinierte Zusammenarbeit. Jeder Patient wird von einem Palliativarzt und einer Palliativ-Fachkraft zu Hause besucht. Zusammen mit dem Patienten und seinen Angehörigen wird die Versorgung geplant und organisiert. Die Budgetverantwortung liegt beim ZAPV. Ist die Pflege zu Hause nicht mehr zu leisten, kann der Patient auf einer Palliativstation oder im stationären Hospiz weiter betreut werden.
Die Budgetverwaltung für alle am Netz beteiligten Leistungserbringer, also auch der Pflegedienste, regelt das ZAPV. Die Leistungserbringer haben mit der TK eine Tagespauschale vereinbart, aus der alle Beteiligten und deren therapeutische Maßnahmen bezahlt werden: Pflege, Ärzte, Psychologen, Medikamente und stationäre Behandlung. Nur die Hausärzte rechnen ihre Leistungen über die Regelversorgung ab. Die Tagespauschale entspricht dem, was der Patient auch in der Regelversorgung kostet. „Die Patienten kommen ins Krankenhaus, wieder nach Hause, dann kommt der Notarzt und sie müssen wieder ins Krankenhaus. Da wird unendlich viel Geld verpulvert für eine letztlich miese Versorgung! Wir sind genauso teuer wie die Regelversorgung, aber wir bieten dafür eine optimale Versorgung, die sich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert“, sagt Nolte.
Zuvor hätten die Leistungserbringer auf informeller Basis zusammengearbeitet, aber für den besonderen Aufwand kein Honorar erhalten. An der 24-Stunden-Rufbereitschaft sei die ehrenamtliche Arbeit immer gescheitert. Ohne 24-stündige Rufbereitschaft sei jedoch eine Palliativversorgung nicht möglich. Rund um die Uhr für jeden Patienten erreichbar zu sein, sei ohne Honorar kaum zu schaffen. „Das ist jetzt alles organisiert“, erläutert Nolte, der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) ist. „Die Tagespauschale motiviert zur hoch qualifizierten Leistungserbringung, weil wir uns eine schlechte Versorgung gar nicht leisten können. Wenn ein Patient ins Krankenhaus muss, weil wir nicht erreichbar sind, müssen wir das aus unserer Pauschale bezahlen“, erklärt der Arzt.
Die Wirtschaftlichkeit des Netzwerks stehe und falle mit der Qualität und Intensität der Zusammenarbeit. Damit wird laut Nolte eine patientenorientierte Versorgung garantiert, „die sämtliche Verkrustungen und Hindernisse in der Regelversorgung aushebelt. Nur so können in Zukunft intelligente Kooperationsstrukturen aussehen.“
Laut Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen, ist die Zusammenarbeit im Projekt einzigartig, weil die individuellen Bedürfnisse der unheilbar Kranken im Mittelpunkt stünden: „Bisherige Grenzen und Barrieren, die ein schmerzfreies und würdevolles Lebensende für den Patienten zu Hause so schwer gemacht haben, werden in unserem Projekt überwunden.“
Auch Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger unterstützt das Modellprojekt. Sie betrachtet es als besonders geeignet für Ballungsräume, denn hier könne man die städtischen Strukturen gut nutzen. Das hessische Sozialministerium werde eine engere Zusammenarbeit zwischen Palliativmedizin und der Hospizbewegung weiter unterstützen, so Lautenschläger. In einigen Städten in Hessen hätten sich bereits Pflegedienste mit speziellen Kenntnissen in der Palliativpflege niedergelassen, berichtet die Ministerin. Die TK plant, das Modell zukünftig auch im Raum Kassel einzurichten. (Von Susanne El-Nawab)
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