Wiesbadener Tagblatt und Wiesbadener Kurier vom 06.11.2006
Zu Anfang der vom Palliativ-Netz Wiesbaden als Abschluss einer Veranstaltungswoche organisierten Podiumsdiskussion im Rathaus erzählte ZDF-Moderator Claus Kleber von einer kleinen Zeitungsmeldung, die er gelesen habe. Da sei ein Ehepaar, beide weit über 80 Jahre alt, mit seinem Sportwagen auf dem Weg ins Wochenende verunglückt - Mann und Frau waren sofort tot. Das, so Kleber, stelle er sich wohl als das "ideale Lebensende" vor. Doch die Realität sehe oftmals ganz anders aus. Lange Leidenswege für Todkranke und ihre Angehörigen seien an der Tagesordnung. Hilfe wird in dieser Phase auf verschiedenste Weise benötigt und mit dem "Palliativ-Netz" habe man in Wiesbaden ausgezeichnete Bedingungen dafür.
Vor zahlreichen sehr interessierten Zuhörern im Stadtverordnetensaal berichteten Palliativmediziner Dr. Thomas Nolte, die Fachfrauen Heide Bitto (Hospiz Advena) und Doris Sattler (Hospizverein Auxilium) sowie der Kölner Künstler Jörg Frank, der Krebspatienten einen Weg zur Kreativität zeigt, aus ihren Erfahrungen.
Wichtigstes Fazit: In Wiesbaden finde jeder Hilfe, der sie benötige, ob es um ambulante oder stationäre Betreuung gehe, um Beratung oder medikamentöse Hilfe. Und das rund um die Uhr - ein 24-Stunden-"Palliativtelefon" (40 80 828) stehe Ratsuchenden zur Verfügung. Dass dies noch nicht allgemein bekannt ist, zeigte die tragische Geschichte eines Zuhörers, der für seine krebskranke Mutter dringend am Wochenende Schmerzmittel benötigte und eine Odyssee durch viele Apotheken und Arztpraxen hinter sich hatte. Wie überhaupt die Zuhörer das große Bedürfnis hatten, ihre Geschichten zu erzählen. Viele wollten die guten Erfahrungen mit den Wiesbadener Helfern mitteilen, andere interessierten sich für Möglichkeiten, selbst tätig zu werden. Und immer wieder waren die Probleme der Schmerzbehandlung Todkranker ein Thema. "Da gibt es noch viele Verkrustungen im Gesundheitswesen", meinte Thomas Nolte. In Wiesbaden sei man bemüht, diese aufzubrechen und habe dabei viele Fortschritte gemacht.
Die Erfahrungen mit dem Palliativ-Netz gelten als Modellversuch für das Vorhaben, bundesweit ähnliche interdisziplinäre Betreuungsteams einzurichten. Bis zum Jahr 2009 sollen in ganz Deutschland ähnliche Möglichkeiten bestehen. Jörg Frank brachte in das Gespräch noch psychologische Komponenten ein und empfahl, der Todesangst mit schöpferischen Mitteln entgegenzuwirken. Die Arbeit, die er mit Krebspatienten leiste, leite bei diesen einen Erkenntnisprozess ein. "Sie können Veränderung leichter annehmen, das Loslassen lernen", berichtete der Künstler. Leben mit dem Bewusstsein, sterblich zu sein, sahen auch die anderen Diskussionsteilnehmer als wichtig an. Nicht umsonst hatte man als Thema der Palliativwoche "Aktiv leben - bewusst sterben" gewählt. "Man muss sich rechtzeitig auseinandersetzen mit der Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts des Todes", sagte Heide Bitto. Auch die Helfer seien nicht unbedingt "stärker" sondern handelten ebenfalls "aus der Schwäche heraus". Doch gerade diese ermögliche oft, "Berührungsängste mit dem Tod" abzubauen.
Auch ganz praktische Probleme wie die Finanzierung der Palliativmedizin wurden in der Diskussion gestreift. Die Medizin befinde sich auf dem richtigen Weg, sagte Nolte, der Bedarf an derartiger Betreuung werde wahrgenommen und anhand der Wiesbadener Erfahrungen seien bereits wertvolle Erkenntnisse gesammelt worden. Auch die Krankenkassen seien mittlerweile recht kooperativ. "Doch was wir hier in Wiesbaden haben, gibt es bis jetzt in dieser Form an keinem anderen Ort in Deutschland", machte der Mediziner klar. Die Angebote der Partner des Palliativ-Netzes seien hochentwickelt und die Versorgung sehr gut. Die größte Nachfrage bestehe im ambulanten Bereich, denn die Menschen wollten meist zu Hause, in vertrauter Umgebung, ihr Leben beschließen. "Ziehen Sie auch immer wieder mal eine Lebensbilanz, nicht nur an runden Geburtstagen", empfahl Claus Kleber´den Zuhörern und zeigte sich abschließend beeindruckt vom Engagement der Wiesbadener Fachleute.
Von Anja Baumgart-Pietsch
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